thinktank Politikbrief

Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem …und was geschehen muss!

Das dritte Jahresgutachten des Aktionsrats Bildung

Verantwortlich für den Inhalt:
vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Wie sichern wir in Zukunft Innovationen, Wachstum und Beschäftigung? Sind wir auf eine veränderte globale Arbeitswelt vorbereitet? Investition in Bildung ist die beste Antwort auf diese Fragen. Im Potenzial der zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt eine der größten Produktivitäts- und Innovationsreserven in Deutschland. Es muss uns gelingen, Wissen und Kreativität der Mitarbeiter für die Unternehmen zu mobilisieren und zu sichern. Voraussetzung dafür ist, dass jeder in unserer Gesellschaft die bestmöglichen Bildungschancen erhält. 

Die Statistiken zeigen uns leider deutlich, dass unser deutsches Bildungssystem noch immer gewaltige Defizite aufweist. Über 70.000 Jugendliche verlassen pro Jahr die Schule ohne Abschluss. Ein knappes Viertel der Jugendlichen in Deutschland kann wegen mangelnder Voraussetzungen keine Ausbildung beginnen. Nur 43 Prozent der Jugendlichen erwerben eine Studienberechtigung. Und nur 22 Prozent schließen ihr Studium ab. Die Herausforderungen in der Bildungspolitik sind klar: Wir müssen die Gerechtigkeitslücke schließen. Denn mittel- und langfristig steuern wir auf eine Arbeitskräftelücke zu. Sie wird durch die aktuelle wirtschaftliche Lage zwar verzögert, aber wir müssen uns dennoch darauf vorbereiten.
Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. setzt sich deshalb seit Jahren für eine umfassende Bildungsreform ein. Mit unserer Studienreihe „Bildung neu denken“ haben wir ein Konzept für die Bildung der Zukunft entwickelt. Wir haben Bildungsdefizite in Deutschland benannt, Lösungsstrategien vorgestellt, und die Kosten und Umsetzbarkeit einer umfassenden Bildungsreform geprüft. Um den Handlungsdruck für die Politik weiter zu erhöhen, haben wir schließlich im Jahr 2005 den Aktionsrat Bildung eingerichtet. Er hat sich in der Vergangenheit mit den Themen „Bildungsgerechtigkeit“ und „Bildungsrisiken und -chancen im Globalisierungsprozess“ befasst.

Aktuell hat der Aktionsrat Bildung einen besonders brisanten Aspekt aus dem Themenbereich Bildungsgerechtigkeit beleuchtet: die teilweise eklatante Benachteiligung von Jungen in unserem Bildungssystem. Denn an Weichen stellenden Punkten auf dem Bildungsweg entstehen unerwartete Differenzen zu Lasten der Jungen. Welche Konsequenzen und Handlungsempfehlungen für die Politik der Aktionsrat Bildung daraus ableitet, erfahren Sie im nachfolgenden Text. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.

Das Jahresgutachten 2009 und der Bundesländervergleich zum Thema Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem
Der Aktionsrat Bildung, ein Expertengremium von sieben Bildungswissenschaftlern (siehe Infokasten) hat sich in seinem dritten Jahresgutachten mit „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem“ auseinander gesetzt. Erweitert wurde das diesjährige Jahresgutachten um einen Status Quo Bericht  „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem – die Bundesländer im Vergleich“, der Unterschiede zwischen den Bundesländern hinsichtlich der Ausprägung an Geschlechterdifferenz aufzeigt. Die Veröffentlichung fand am 12. März 2009 im Rahmen der Veranstaltung DEUTSCHLAND HAT ZUKUNFT! im Haus der Bayerischen Wirtschaft statt.


Das dritte Jahresgutachten des Aktionsrats Bildung

Wie entstehen Geschlechterdifferenzen?
Fest steht, dass keine angeborenen neurologischen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bestehen, die Geschlechterdifferenzen und -benachteiligungen im Bildungssystem erklären könnten. Vielmehr lassen sich die Ursachen für Geschlechterdifferenzen in soziologischen und psychologischen Zusammenhänge finden: Kinder übernehmen Rollenstereotype und -verhalten von ihrer unmittelbaren Umgebung und damit unter anderem von ihren Eltern und dem pädagogischen Personal. Die Rollenstereotype nehmen Einfluss auf die Interessensentwicklung und Motivation, in der Folge auf Schulleistungen und Kompetenzen und im Endeffekt auf die Berufs- und Studienwahl von jungen Frauen und Männern.

Jungen als Bildungsverlierer im Schulsystem
Während in der frühkindlichen Erziehung und im Kindergarten noch Gemeinsamkeiten zwischen Mädchen und Jungen überwiegen, werden in der Primarschule erste Geschlechterdifferenzen sichtbar. Die unterschiedlichen Interessenslagen von Mädchen und Jungen nehmen bereits hier Einfluss auf die schulischen Leistungen. Gravierend werden die Kompetenzunterschiede im Sekundarbereich: Hier zeigen sich z. T. eklatante Differenzen zwischen Mädchen und Jungen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften. PISA-Ergebnisse zeigen, dass 15-jährige Mädchen im Lesen einen Leistungsvorsprung von fast eineinhalb Schuljahren aufweisen. Auch in den Beteiligungsquoten von Mädchen und Jungen an den Schularten in Deutschland wird das „Zurückfallen“ der Jungen im Bildungssystem sichtbar: Der Mädchenanteil ist beim Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium höher als der der Jungen, hingegen sind Jungen in der Hauptschule überrepräsentiert. In der Folge erreichen junge Frauen häufiger die allgemeine Hochschulreife und mehr junge Männer verlassen die Schule mit Hauptschulabschluss.

Berufswahl abhängig von Rollenstereotypen
Bei der Berufswahl zeigt sich der Einfluss von Geschlechtsstereotypen deutlich: Männer wählen häufiger Ausbildungsberufe und Studiengänge aus dem industriellen Sektor, z. B. Ingenieurberufe; Frauen präferieren Berufe aus dem Dienstleistungs- und sozialen Bereich. Diese spezifische Berufswahl der Frauen führt in Bezug auf Karrierechancen häufig in eine Sackgasse. Die Erfolge der Mädchen im Bildungssystem wirken sich u. a. aus diesem Grund noch marginal auf das Erwerbsleben der Frauen aus.

Bundesländervergleich: Geschlechterungleichheit allerorts
Im Status Quo Bericht des Aktionsrats Bildung wird dargelegt, welche Bundesländer in den Bereichen Geschlechteraufteilung des pädagogischen Personals, Übergangsquoten von Mädchen und Jungen sowie Leistungsvergleiche im Lesen und in der Mathematik besonders gut bzw. schlecht abschneiden. Beispielsweise liegt der Jungenanteil an allen Schulabgängern ohne Schulabschluss in Hamburg und Berlin bei 58 bzw. 59 Prozent, in Brandenburg bei 67 Prozent (siehe Abbildung).
Zusammenfassend besteht in allen 16 Bundesländern Handlungsbedarf um Geschlechterdifferenzen zu minimieren, wenn auch in unterschiedlich starkem Ausmaß: Hamburg und Berlin können als positive Beispiele hervorgehoben werden, da beide Länder in einigen Untersuchungsbereichen vergleichsweise geringe Differenzen aufweisen. Im Gegensatz dazu sind die Geschlechterdifferenzen in vier ostdeutschen Bundesländern besonders ausgeprägt: in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

Schulabgänger ohne Schulabschluss – Aufteilung der Mädchen und Jungen (Statistisches Bundesamt, Statistik der allgemein bildenden Schulen – Absolventen 2006/2007)

Um jedes Individuum – unabhängig welchen Geschlechts – in seinen Kompetenzen und Fähigkeiten zu fördern und damit gleiche Chancen im Bildungs- und Beschäftigungssystem zu bieten, formuliert der Aktionsrat Bildung Handlungsempfehlungen an die Entscheidungsträger.

Geschlechtsspezifische Rollenstereotype aufbrechen!
Der Männeranteil an Erziehern und Grundschullehrern liegt im Durchschnitt bei 3,2 bzw. 13,1 Prozent. Diese Verteilung spiegelt die geschlechtsspezifische Berufswahl wider. Im Sinne einer Vorbildfunktion fordert der Aktionsrat Bildung daher mehr Männer in pädagogischen Berufen. Allerdings muss eine Erhöhung des Männeranteils mit einer Reflexion der Erzieher/innen und Lehrer/innen über die eigenen Rollenstereotype einhergehen. Somit kann ein geschlechtsbewußter Umgang mit Mädchen und Jungen durch das pädagogische Personal gewährleistet werden. Auch Unterrichtsmaterialien bzw. Lernmedien sollten auf realitätsfremde Rollenbilder und Stereotype hin untersucht und entsprechend revidiert werden.
Neben dem pädagogischen Personal nehmen auch Eltern eine wichtige Rolle in der Entwicklung und Verfestigung von Rollenstereotypen ein. Um Kindern zu verdeutlichen, dass Erziehung nicht nur „Frauensache“ ist, empfiehlt der Aktionsrat, die Beteiligung beider Elternteile am Schulleben der Kinder einzufordern. Da Eltern den wichtigsten Ansprechpartner bezüglich der Berufswahl darstellen, müssen diese durch Beratung und Information befähigt werden, ihre Kinder bei der Berufswahl zu unterstützen.


Prof. Dr. Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, Präsident der Freien Universität Berlin bei seinem Vortrag „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem – die Bundesländer im Vergleich“ am 12. März 2009

Im Unterricht an geschlechtsspezifischen Interessen anknüpfen!
Die fachspezifischen Differenzen in Leistungen und Kompetenzen von Mädchen und Jungen gründen in unterschiedlicher Motivation und Interesse an den jeweiligen Fächern. Auf der einen Seite weisen 15-jährige Mädchen eine deutlich geringere Motivation und eine höhere Ängstlichkeit gegenüber der Mathematik auf als Jungen. Hier muss der Unterricht kontextbezogener gestaltet werden, um mehr Bezug auf die Lebenszusammenhänge zu nehmen und Mädchen stärker für diese Fächer zu begeistern. Auf der anderen Seite liest fast die Hälfte der Jungen nicht zum Vergnügen, bei den Mädchen ist es nicht einmal ein Drittel. Um Jungen ausreichend im Lesen zu fördern, empfiehlt der Aktionsrat Bildung durch computergestützten Leseunterricht, die Vorlieben der Jungen für Computer zu nutzen und dadurch ihre Begeisterung für das Lesen zu wecken.

Ungleichbehandlungen von Mädchen oder Jungen bewusst entgegensteuern!
Beim Erreichen einer Gymnasialpräferenz des Lehrers zeigt sich eine ausgeprägte  Benachteiligung der Jungen: Sie müssen höhere Leseleistungen aufweisen als Mädchen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, da sie bei gleicher Leistung schlechter bewertet werden. Diese und andere meist unbewusste Struktureffekte müssen durch das Erfassen geschlechtsspezifischer Daten aufgedeckt werden, um Ungerechtigkeiten bewusst zu machen und durch Zielvereinbarungen steuern zu können.

Fazit der Bildungsexperten
Der Aktionsrat Bildung weist darauf hin, die Tendenzen einer Benachteiligung der Jungen besonders wachsam zu beobachten. Dabei sind besonders die Akteure in den einzelnen Bundesländern aufgerufen, anhand der Datenlage in ihrem Bundesland Maßnahmen in problematischen Bereichen zu ergreifen, um Benachteiligungen eines Geschlechts aufzuheben. Neben dem Bildungssystem steht jedoch auch die gesamte Gesellschaft in der Verantwortung und Pflicht, vorhandene Geschlechtsstereotype aufzubrechen und die damit verbundenen Differenzen hinsichtlich der Lebenschancen auszugleichen.

Der Aktionsrat Bildung und seine Handlungsfelder
Um den Reformdruck auf die Politik weiter zu erhöhen, hat sich auf Initiative der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. der Aktionsrat Bildung konstituiert. Dem politisch unabhängigen Gremium gehören die Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Dieter Lenzen (Vorsitz), Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld, Prof. Dr. Wilfried Bos, Prof. Dr. Hans-Dieter Daniel, Prof. Dr. Bettina Hannover, Prof. Dr. Manfred Prenzel und Prof. Dr. Ludger Wößmann an.
Ziel des Expertengremiums ist es, eine Diskussion der zentralen Probleme im Bildungssystem voranzutreiben und Veränderungen anzustoßen. Der Schwerpunkt der Arbeit des Aktionsrats liegt auf dem jährlich erscheinenden Gutachten, das sich jeweils einem Brennpunktthema des deutschen Bildungssystems widmet, Reformdefizite benennt und auf empirischer Basis Handlungsvorschläge an politische Entscheidungsträger formuliert.
Ein weiteres Aktionsfeld des Aktionsrats ist die Beratung von Politikern und Journalisten in Hintergrundgesprächen. Für vorbildlichen Journalismus im Bereich des Bildungswesens verleiht der Aktionsrat Bildung den Medienpreis Bildung. Für das Jahr 2006 wurde DIE ZEIT, für 2007 der Hörfunksender Deutschlandradio und für 2008 Spiegel Online prämiert.

Weitere Informationen und die Downloads des Jahresgutachtens und des Status Quo Berichts 2009 finden Sie unter: www.aktionsrat-bildung.de.

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