thinktank Politikbrief

Gesellschaftliche Integration beginnt bei der Ausbildung

von Inci Y.

Kein Politiker, kein Banker hat sich in jenen Jahren, als die deutsche Wirtschaft am Tropf der Arbeitskraft ihrer Gastarbeiter hing, darum gekümmert, ob diese sich und ihre Familie in die deutsche Gesellschaft integrierten, ob sie deutsch lernten. Darunter müssen wir, deren Kinder, heute noch leiden. Immer noch suchen wir unseren Platz in Deutschland. Nicht als Putzfrauen oder Sortiererinnen in Müll-Trennungsanlagen. Statt eine abgeschlossene Schulbildung zu erhalten, wurden wir ignoriert, unterschätzt, als Problem gesehen. „Die muss man unterbringen, egal wie“, lautete und lautet dann die Devise der sogenannten Arbeitsvermittler, wenn wir ohne Schulabschluss vor ihnen standen. Doch unser Anspruch ist ein anderer – und wenn wir ihn für uns nicht realisieren können, dann für unsere Kinder. In meinen Augen gibt es nur eine Chance, die Fehler der seinerzeit politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen wett zu machen: Man muss in die Ausbildung der Kinder und Arbeitsfähigen investieren. Man muss ihnen mit allen Mitteln Zugang zu Berufen verschaffen, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Dann werden sie ihren Teil zu unserer Gesellschaft beitragen und nicht mehr „vom Staat leben“, wie ihnen immer wieder vorgeworfen wird. Ich bin sicher: langfristig werden derartige Investitionen Zinsen tragen. Das dürfte auch gegenüber jenen ein Argument sein, die schnell mit dem Klischee "ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzierender Ausländer" zur Hand sind.

Inci Y. lebte zehn Jahre zwangsverheiratet in Anatolien, zwei Jahre geschieden mit zwei Kindern in Izmir, ehe sie wieder zurück nach Deutschland zu ihrer Familie durfte. Neun Jahre kämpfte sie um einen Ausbildungsplatz – jetzt, mit 39 Jahren, darf sie an einer kaufmännischen Umschulung teilnehmen. Ihre Erlebnisse erzählte sie dem deutschen Journalisten Jochen Faust. Die beiden Bücher – "Erstickt an Euren Lügen" und "Erzähl' mir nix von Unterschicht" – sind unter ihrem Pseudonym  im Piper Verlag erschienen.

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